Köthke

Aus der Sammlung Renate Franz, Köln

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht mehr genau weiß, seit wann ich „mein Rad“ besitze, und auch nicht mehr genau, woher ich es bekam. Ich bin ja von Hause aus keine Sammlerin von Rädern, sondern mehr an der Geschichte des Bahnradsports in sozial- und zeitgeschichtlicher Hinsicht interessiert. Deshalb bitte ich, mir mein (wie ich im Nachhinein erkennen muss) nachlässiges Verhalten aus Sammlersicht zu verzeihen. Sei es wie es sei, ich kaufte nun einmal dieses Rad des Kölner Rahmenbauers Fritz Köthke, jahrelang stand es bei einem Freund im Keller. Aus Anlass des Nostalgie-Fahrradtages holte ich es heraus, um es dort auszustellen.


Das Rad ist eine Straßenrennmaschine aus den 1930er Jahren, gebaut von Köthke. Der Fahrradbauer war eigentlich der Anlass, mich für das Rad zu interessieren. Er hatte eine Werkstatt in der Kölner Niederichstraße, seine Räder waren europaweit gefragt. Der spätere Olympiasieger Toni Merkens ging bei Köthke in die Lehre, Kölner Radsportgrößen wie Viktor Rausch, Gottried Hürtgen, Paul Oszmella gingen bei ihm aus und ein, aber auch Sportler aus anderen Ländern waren Stammkunden, wie etwa Arie van Vliet und Jan Derksen aus den Niederlanden. In einem Interview mit Köthkes Schwager Toni Rüth (ca. 1993) erfuhr ich, dass Köthke von Beruf eigentlich Kaufmann war und alle Teile zu seinen Rädern einkaufte – aber nur die der allerbesten Qualität, vor allem aus England und den Vereinigten Staaten. Ein Bruder von Fritz war Heinrich Köthke, der jahrelang die Radrennbahn in Köln-Riehl als Pächter betrieb.


Auf Köthkes Namen stieß ich zum ersten Mal im Zusammenhang meiner Recherchen für mein Buch über einen weiteren seiner Kunden, Albert Richter(„Der vergessene Weltmeister“). Leider sind von dieser Werkstatt offensichtlich keine Dokumente erhalten. Die Werkstatt wurde in den 1950er oder 1960er Jahren von einem Mitarbeiter übernommen, der sie bis vor wenigen Jahren an anderem Standort in der Kölner Innenstadt betrieb. Meine Versuche und die anderer, von diesem Herrn Informationen oder Unterlagen zu erhalten, scheiterten leider an dessen Unwillen zur Mitarbeit (auf gut Deutsch: er war sch…unfreundlich). Ein Hintergrund seiner Unfreundlichkeit mag die Tatsache gewesen sein, dass es Erbstreitigkeiten mit Köthkes Familie vor seiner Übernahme der Werkstatt gegeben haben soll.


Durch die Ausstellung meines Rades auf der Radrennbahn in Bielefeld erfuhr ich nun weitere Details darüber. Das Rad aus den 1930er Jahren ist mit einer Super-Champion-Schaltung aus der Werkstatt von Oscar Egg ausgestattet, verfügt über eine F&S-Rennnabe mit dem Doppeladler und einen Lohmann-Rennsattel. Muffen, Naben und Ausfallenden sind verchromt. Nach der Einschätzung von kundigen Vereinsmitgliedern ist es mit „Top-Komponenten“ aus den 1930er Jahren ausgestattet, was darauf schließen lässt, dass einem Profi-Rennfahrer gehört habe muss.

Als 1993 das Interview mit Köthkes Schwager Toni Rüth führte, der selbst in jungen Jahren Rennen für den RC Schmitter fuhr, führte, war ich allein an der Person Albert Richters interessiert, an Köthke nur am Rande. Heute muss ich leider erkennen, dass ich damals eine gute Gelegenheit verpasst habe, Näheres über diesen Fahrradbauer zu erfahren. Aber jetzt ist meine Neugier geweckt… und vielleicht finde ich ja noch mehr über ihn heraus.